Jazz (nicht nur) für Einsteiger

Ich versprach ja, mich ein wenig mit dem Jazz und dem Zugang zu eben jenem zu beschäftigen. Das habe ich gemacht. Es gibt auch eine entsprechende Spotify Playlist für euch dazu. Hier habe ich einfach die mittlerweile etwas veränderte Jazz-Alben™-Liste genommen. Ursprünglich sollte sie ja die größten – was auch immer das ist – Jazz-Alben beinhalten, aber ich habe mittlerweile einfach meine Lieblingsalben gelistet. Die wiederum habe ich einfach genommen, weil ich glaube, dass ich über diese Alben am meisten erzählen kann. Ich möchte an dieser Stelle ein wenig erläutern, warum ich gerade dieses Album von diesem Künstler ausgesucht habe, und warum dieses vielleicht gerade für den Einstieg hübsch sein kann.

Miles Davis

Zwei Alben habe ich vom Großmeister des Jazz auserkoren. Miles Ahead und Kind of Blue (natürlich) sind es, die ich mehr als alles andere von ihm liebe. Und es gibt unfassbar viele großartige Alben von Miles Davis. Warum nun also gerade diese zwei? Und warum sollten ausgerechnet diese zwei für Einsteiger geeignet sein? Zum einen, weil Kind of Blue den einen Song enthält, den wirklich jeder kennt. ‚So What‘ heißt er.  Ich denke, gerade am Anfang ist es wichtig, dass die Songs einen Wiedererkennungswert haben. Das macht den Einstieg schon mal ’ne Ecke leichter, hoffe ich zumindest. Ok, ansonsten ist die Kind of Blue vielleicht etwas schwieriger. Miles Ahead auf der anderen Seite, hat einen unfassbar zugänglichen Sound und schicke Melodien. Übrigens hat auf diesem Album ein Herr namens Lee Konitz mitgespielt!

Für Einsteiger geeignet?

Kind of Blue: Zum Teil. Vor allem wegen des bekannten Songs ‚So What‘

Miles Ahead: Ja

Paul Desmond mit und ohne Dave Brubeck

Was soll ich nun zu Paul Desmond sagen? Er ist und bleibt mein Lieblingssaxophonist. Er hat in seinen Soli ganze Lieder geschrieben. Quasi Stücke in den Stücken. Er war in der Lage vom Blues, über Klezmerskalen, bzw. arabesquen Skalen, zum bachschen Kontrapunkt und von da wieder zurückzumodulieren. Und das alles in einem Solo. Damit wären wir auch schon beim ersten Album, welches ich für äußerst empfehlenswert halte, nämlich Jazz Impressions of Eurasia. Und hier besonders den Song ‚Brandenburg Gate‘. Hier zeigen Paul Desmond und Dave Brubeck mal so richtig was sie können. Genau dieser Song ist es, bei dem Paul Desmond genau das macht, was ich gerade angesprochen habe. Das Modulieren vom Blues über Klezmer (arabisch), klassischem Kontrapunkt und wieder zurück. Da möchte Brubeck natürlich nicht zurückstehen und ist ebenso in Höchstform. Auf dem Album Time Out geht es dann, was die Rhythmen angeht, ganz schön zur Sache. Aber keine Sorge, auch hier sorgen Eugene Wright, Joe Morello, Dave Brubeck und Paul Desmond für grandiose Melodien. Außerdem ist auf diesem Album immerhin ein Song wie ‚Take Five‘ drauf, da wären wir wieder bei den vertrauten Melodien die man kennt. Weiter geht’s mit Paul Desmond, diesmal allerdings mit Jim Hall. Auf dem Album Concierto spielen die beiden, zusammen mit Chat Baker eine Jazzversion des wunderbaren klassischen Werkes ‚Concierto de Aranjuez‚ ein. Wirklich wunderschön und wie ich meine sehr gut für Einsteiger geeignet. Bleiben wir ein wenig bei Chat Baker, der hat ein Album namens She Was Too Good to Me geklöppelt, und zwar – ihr ahnt es schon – richtig, mit Paul Desmond. Auch hier eingängiger, nicht allzu fordender Jazz. Ein wirklich schönes Album, im wahrsten Sinne des Wortes. Mit Gerry Mulligan hat der gute Herr Desmond dann auch noch ein Album veröffentlicht, es heißt Two of a Mind. Die beiden konnten richtig gut miteinander, wie man so schön sagt, und das hört man auch. Großartige Kommunikation während der Soli. Man hört richtig, wie die beiden sich miteinander, mithilfe ihrer beiden Saxophone unterhalten. Wunderbar. Sicher, ein bisschen mehr zur Sache geht es hier schon manchmal, aber keine Sorge, auch hier steht die Melodie immer noch im Vordergrund.  Zu guter letzt geht’s noch einmal zurück zum Dave Brubeck Quartet. Es gab ein legendäres Konzert in der Carnegie Hall, und das Doppelalbum dieses Konzerts darf hier einfach nicht fehlen. At Carnegie Hall. Ein hübscher Querschnitt der klassischen Besetzung dieses Quartetts.

Für Einsteiger geeignet?

Jazz Impressions of Eurasia: Aber so was von

Time Out: Ja

Concierto: Ja

She Was Too Good to Me: Aber so was von

Two of a Mind: Zum Teil. Vor allem wegen Paul Desmond

At Carnegie Hall: Ja

Julian Adderley

Somethin‘ Else heißt das Album, was ich von Julian Adderley hier empfehlen möchte. Ein Vorausschauen auf Kind of Blue, wenn man so will. Und Miles Davis spielt auch mit auf diesem Album. Trotzdem ist es ein Julian-Adderley-Album: Dieser warme Sound, den er aus seinem Altsaxophon holte, war schon beeindruckend. Das ganze hat etwas schwebendes, etwas, was man am Anfang nur ahnt. Ein bisschen wie Debussy es in seinen Werken auch hat. Phantastisch. Übrigens der Song in dem verlinkten Video ist natürlich sein bekanntestes Stück, das ist aber nicht auf dem Album drauf. Zu dem Album mit diesem Song kommen wir an einer anderen Stelle. Ach so, natürlich spielt Julian Adderley zusammen mit John Coltrane auf dem Kind of Blue Album mit, ist doch klar.

Für Einsteiger geeignet?

Somethin‘ Else: Zum Teil. Vor allem wegen des ersten Songs.

Lee Konitz

Jetzt wird es tatsächlich schon um einiges schwieriger. Motion heißt das Album, und jetzt geht es schon richtig zur Sache. Vielleicht müssen hier einige erstmal dieses Album überspringen. Menschen sind da sehr unterschiedlich und was für den einen schon zu viel ist, ist für die andere noch lange kein Grund, dieses Album von Lee Konitz nicht zu hören. Herr Konitz gehört zu meinen absoluten Lieblingsmusikern, weil er einen Ton hat, der nie aufdringlich wird. Der kann mir den wildesten Freejazz um die Ohren hauen, das ermüdet mich nie. Und genau dieser Ton ist es, der auch in diesem Fall für dieses Album spricht. Versucht es! Wenn es nicht geht, dann eben erst später. Man sollte sich am Anfang nicht überfordern. Alles was keinen Spaß macht, sollte man tunlichst auch nicht machen, vor allem wenn es um Dinge wie Musik geht. Seid also mutig, hört rein und wenn es (noch) nicht geht, tja dann eben erstmal nicht.

Für Einsteiger geeignet?

Motion: Bedingt. Muss man probieren

Joe Henderson

Nun kommen wir zum dritten im Bunde, auf den ich meine musikalische Saxophonkirche baue, wenn man so will. Er ist dafür verantwortlich, dass ich das Tenorsaxophon doch noch lieben gelernt habe. Ein grandioser Künstler, ein Intellektueller. Er hat auch schon mal das ein oder andere Freejazz Album gemacht, in diesem Fall geht es aber um Lush Life: The Music of Billy Strayhorn, eines welches eher ruhig daherkommt, und er zeigt was für einen unfassbar tollen Ton er hat, wie elegant er spielt. Ein wenig wie Paul Desmond in moderner, wenn man so mag. Wo wir gerade bei bekannten Melodien sind. Das letzte Album was der gute Joe Henderson zu Lebzeiten aufgenommen hat, war seine Interpretation von der Musik von ‚Porgy and Bess‚ von George Gershwin. Ja, und da gäbe es schon Melodien, sie treten halt nur bisweilen in den Hintergrund, also vor allem beim Solieren. Ansonsten ist auch hier eigentlich alles gut. Sehr gut sogar. Sogar Chaka Khan und Sting sind auf diesem Album zu hören. Die kennt man sogar außerhalb des Jazzkontexts. Tolles Album. Wie gesagt, an einigen Stellen nicht immer ganz einfach.

Eines hab ich noch: Nämlich The Standard Joe. Was Joe Henderson hier so spielt, ja nun. Es gäbe da schon Melodien, man muss sie halt nur ein wenig suchen… Immerhin spielt er Standards, wie der Name des Albums ahnen lässt. Zumindest werden die meisten von euch also am Anfang des Stückes erkennen, um was für eines es sich handelt. Auch hier gilt: Traut euch. Und wenn es nicht geht, dann lasst es erstmal ruhig und kommt später wieder. Ich liebe den Sound des Herrn Henderson, die Intellektualität mit der er an all seine Werke herangegangen ist. Das Entscheidende aber ist: Er schafft, was was sonst nur Paul Desmond schafft. Ich bekomme bisweilen Gänsehaut, wenn er spielt.

Für Einsteiger geeignet?

Lush Life: The Music of Billy Strayhorn: Zum Teil. Vor allem wegen der bekannten Melodien

Porgy and Bess: Ja

The Standard Joe: Bedingt. Muss man probieren

The Modern Jazz Quartet

Eine Band, die ich schon als Kind gehört habe. Ein einmaliger Sound. Die Band bestand aus Milt Jackson (Vibraphon), John Lewis (Piano), Percy Heath (Bass) und Connie Kay (Schlagzeug). Kein Saxophon? Keine Trompete? Keine Gitarre? Piano und Vibraphon? Eine sehr seltene Kombination. Egal. Sie prägten mein Bild von dieser Musik in den 70ern, also in der Zeit in der ich ein Kind war. Natürlich wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht, was Jazz ist. Ich erkannte aber die Band wieder, ohne zu wissen wie sie heißen oder was sie da machen. Diese Gruppe mit dem schönen Ding und Dong halt. Meist recht leise kommen sie daher. Melodien konnten sie. Sie waren mein Einstieg in die Welt des Jazz, ohne dass ich das zu diesem Zeitpunkt auch nur im entferntesten ahnen konnte. Wenn das nichts für den Einstieg in die Welt des Jazz ist, dachte ich mir, und gebe deswegen eine dicke Empfehlung für diese wunderbare Band ab. Es handelt sich hier um das Album ‚The Complete Last Concert‚. Es sind Aufnahmen aus den Jahren 1975 und 1981. Ein wirklich toller Einsteig in die Welt des Jazz, zumindest nach meinem Dafürhalten. Deswegen ist sie auch in der Liste zu finden. Sie gehören definitiv auch in die Liste meiner Lieblingsaufnahmen.

Für Einsteiger geeignet?

The Complete Last Concert: Aber so was von.

Das waren sie, die Empfehlungen. Mal einfacher zugänglich, mal schon ein bisschen schwerer. Aber Menschen funktionieren unterschiedlich. Warum also auch nicht etwas weniger einfaches mit in die Liste der Empfehlungen nehmen, außerdem sind sie ja in der Liste meiner bevorzugten Jazz-Alben, insofern hatte ich also auch gar kein andere Wahl! 😉
Es werden weitere Empfehlungen folgen. Gerade im Bereich des Big Band Jazz gibt es hervorragende Werke, die sich vorzüglich eignen, um in die Welt des Jazz einzutauchen, aber dazu beim nächsten mal mehr.

P.S.: Ja, ich liebe das Saxophon. Diese Reihe wird sich aber im Laufe der Zeit auch anderer Instrumente annehmen, damit auch die nicht zu kurz kommen.

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Lee Konitz

1927 in Chicago, Illinois, USA ist ein Altsaxophonist des Jazz in seiner Gänze, denn er hat sich so ziemlich allen Stilrichtungen angenommen, die es so innerhalb des Jazz gibt.  Das besondere an Konitz war, dass er den einzigen originären Beitrag zur Entwicklung des Jazz, zum Zeitpunkt des Wirkens von Charlie Parker, darstellte.  Seine Soli sind von einer unfassbaren Kreativität geprägt, was man u.a. an Aufnahmen festmachen kann, welche ca. 40 Minuten lang sind, und die nichts anderes beinhalten als ein Solo von eben jenem Lee Konitz. Neben Lennie Tristano war Konitz der  bedeutendste Cool-Jazz-Innovator. Und das alles noch bevor Miles Davis sich des Cool Jazz annahm. Musiker wie Paul Desmond oder Bill Evans ebenso wie Hans Koller und Albert Mangelsdorff und schließlich sogar Avantgardisten wie Anthony Braxton sind stark von Konitz beeinflusst worden. Eigentlich begann Konitz seine musikalische Laufbahn, indem er anfing Klarinette zu spielen, das mag vielleicht auch der Grund sein, weswegen er diesen recht eigenen Ton hat, der für einen Saxophonisten doch eher ungewöhnlich ist. Bei Paul Desmond, der ebenfalls von der Klarinette kam, sollte sich das noch stärker auswirken. Manchmal spielen die beiden nämlich einfach nur Klarinette auf dem Saxophon. Quasi Klarinettleske, wenn man so will. 1939 wechselte Konitz dann zum Tenorsaxophon. Bis er schließlich als Altsaxophonist bei Teddy Powell und Jerry Wald tätig war, bevor er zwei Jahre das Roosevelt College besuchte. Seine ersten Aufnahmen machte er 1947 und 1948 mit Claude Thornhill. Mit 21 Jahren war es dann so weit, er war Mitglied im berühmten Miles Davis/Gil Evans-Nonett, und somit Teil der Birth of the Cool Aufnahme. Diese Aufnahmen (1949-50) haben den Cool Jazz, der zu dem Zeitpunkt noch recht unbekannt war, einem größeren Publikum bekannt gemacht. Das besondere an dieser Aufnahme war weiterhin, dass Konitz als Weißer Teil dieser Aufnahmen war, obwohl es zu dem Zeitpunkt recht viele Schwarze, arbeitslose Altsaxophonisten gab. Ein Fakt, der Miles Davis zum Teil große Kritik in der schwarzen Bevölkerung einbrachte. Er antwortete: ”Zeigt mir einen schwarzen der so spielen kann wie Lee Konitz, und ich lasse ihn spielen.” Zur gleichen Zeit arbeitete er mit Lennie Tristano und Warne Marsh zusammen und nahm 1949 mit ihnen und Billy Bauer erste freie Improvisationen auf. Vorher waren die Soli tatsächlich komponiert worden. Besonders bei den Aufnahmen „Intuition“ und „Digression“, auf dem Album Crosscurrents ist diese freie Improvisation gut zu hören. Trotz seines künstlerischen Erfolges ging und geht er immer wieder bürgerlichen Tätigkeiten nach, um sich seine künstlerische Freiheit zu bewahren. So unterrichtet er immer noch, um sich nicht von Plattenlabels abhängig machen zu müssen. So war, und ist es ihm möglich Alben einzuspielen, ohne das die Gelder der jeweiligen Plattenfirma letztlich Einfluss auf das Ergebnis der Aufnahmen hatten, oder haben. Konitz nahm über 150 Alben auf, als Leader und als Sideman. In den 60’er und 70’er Jahren spielte Konitz hauptsächlich in kleinen Besetzungen, teilweise nur mit einem Pianisten. 1974 spielte er eine bis heute beachtenswerte Soloaufnahme „Lone Lee“ ein, welches die schon erwähnte ca. 40 Minütige freie Improvisation enthält. Bis heute tourt er regelmäßig durch die USA und Europa, ist oft in Studios mit jungen Musikern und spielt mit avancierten Musikern Avantgardeprojekte ein. Konitz, der zeitweise in Köln lebte, zeigt sich auch für Musik von Debussy, Satie und Bach offen. Diesmal ging er gemeinsam mit einem Streichquartett, dem Lee Konitz String Project und Ohad Talmorund, auf Tournee und improvisierte über die Musik des französischen Impressionismus. Im Jahre 2000 spielte Konitz, mit dem Brandenburgischen Staatsorchester, das für ihn geschriebene Konzert Prisma von Günter Buhles ein. Maßstabsetzende Duoaufnahmen zogen sich wie ein roter Faden durch sein Lebenswerk. Angefangen mit Billy Bauer, folgte die Zusammenarbeit mit Musikern wie Jim HallAlbert Mangelsdorff, Jiggs Whigham, Joe Henderson oder Pianist Frank Wunsch. Die neusten drei Studioaufnahmen sind mit dem dänischen Gitarristen Jakob Bro entstanden. Auch hier hört man immernoch die Neugierde, das Interesse des mittlerweile 86 Jährigen. Entsprechend seiner Bedeutung, ist die Liste der Empfehlungen diesmal etwas länger. Viel Spaß beim Hören.

Empfehlungen:

Lee Konitz Playlist des Autors bei Spotify
Lennie Tristano – Crossscurrents (Spotify)
Miles Davis  – Birth of the Cool (Spotify)
Konitz meets Mulligan (Spotify)
Lee Konitz with Warne Marsh (Spotify)
Miles Davis – Miles Ahead (Spotify)
Lee Konitz – An Image (Spotify)
Lee Konitz – Motion (Spotify)
Lee Konitz – Lone-Lee (Spotify)
Michel Petrucciani – Toot Sweet (Spotify)
Konitz & Mangelsdorf – The Art of the Duo (Spotify)
Lee Konitz & Frank Wunsch – S’Nice (Spotify)
Lee Konitz- Strings for Holiday (Konitz)
Lee Konitz & Bill Frisell – Efants Terribles (Spotify)
Jakob Bro – Balladeering (Spotify) – Time (Spotify) – December Song (Spotify)
Günter Buhles – Prisma Konzert für Alto Saxophon und Orchester (Youtube)

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Paul Desmond

Paul Desmond wurde 1924 in San Francisco geboren, und starb 1977 in New York City. Bekannt wurde er durch das Dave Brubeck Quartet (er verfasste dessen größten Hit, Take Five), in dem er seit dessen Gründung im Jahr 1951 bis 1967 spielte.

Paul Desmond ist der Meister der Melodiösität, der tiefverwobenen Linien, die zwar unendlich Komplex sind, aber dabei immer dermaßen eingängig, dass man überhaupt nicht merkt was dieser tolle Alt Saxophonist einem da an Skalen und Harmonien um die Ohren haut. So luftig, so lyrisch, so leicht, so schwebend und so charmant konnte kein anderer solieren. Hier entfaltet sich eine Melodie nach der anderen. Das sind keine Soli, das sind im Grunde eigene Lieder die Paul Desmond uns da vor soliert. Das dürfte einzigartig sein. Dieser Stil, den Paul Desmond da pflegt ist so außergewöhnlich, dass selbst ungeübte Ohren Desmond sofort erkennen. Seine Soli sind ein wunderbarer Einblick in die zarte Seele dieses Künstlers. Desmond ist einer von den ruhigen, den schüchternen, den leisen. Niemals lässt er bei einem das Gefühl aufkommen, dass er mit schnellen Läufen, extrovertiertem Spiel oder Lautstärke auf sich aufmerksam machen will. Seine Soli schreien einen nicht an, sie nehmen einen mit, mit auf eine Reise durch Melodie und Stimmung die er immer an das jeweilige Stück angepasst hat, was er gerade spielte. Der Blues war ihm genau so nah wie Bach. Es gab natürlich Menschen die ihm das neiden. Es gab Menschen die ihm deswegen immer mal wieder Belanglosigkeit oder gar Banalität unterstellten. Das er genau das Gegeteil von alledem war, mochten und wollten sie nicht hören. Desmonds Art Saxophon zu spielen, den Jazz zu spielen, Stücke zu komponieren und zu interpretieren, waren in einem hohen Maße seiner feingeistigen Art geschuldet. Kompliziert kann eben auch hübsch sein. Ein Ansatz, wie er nur sehr selten im Jazz zu finden ist. Ein einzigartiger Künstler der auch außerhalb der Musik mit Klugheit und Stil zu gefallen wusste. Etliche Zitate von Ihm sprechen da Bände. 16 Jahre hat er an der Seite von Dave Brubeck gespielt, und es gab nicht wenige die in Ihm den eigentlichen Spiritus Rektor des Quartets sahen. Als Brubeck das klassische Quartet 1967 auflöste um sich neuen Dingen zuzuwenden konnte man schon sehr schnell hören wer sich hier den neuen Dingen zuwandte und wer nicht. Während Paul Desmond auf Aufnahmen von Chet Baker und Jim Hall zu hören ist, auf der er unter anderem ein unfassbar grandioses Solo in der Concierto de Aranjuez Interpretation abliefert, und mit dem Modern Jazz Quartet Auftritte absolvierte, spielte Dave Brubeck weiterhin Take Five hoch und runter. Nun ja, ich möchte das musikalische Genie von Herrn Brubeck nicht in Frage stellen aber sich neuen Dingen zuwenden geht anders. 1976 trafen sich Desmond und Brubeck ein letztes mal zu Aufnahmen zu einem Album was da einfach nur ‘The Duets’ hieß. Da war es dann noch einmal, dieses kongeniale Zusammenspiel von den beiden. Und es ist ein hübsches Vermächtnis was uns der Herr Desmond da hinterlassen hat.

Discographie

Playlist Desmond/Brubeck bei Spotify

Empfehlungen:

Blues in Time (Spotify) (Amazon)
First Place again (Spotify) (Amazon)
Time Out (Spotify) (Amazon)
Two of a Mind (Spotify) (Amazon)
At Carnegie Hall (Spotify) (Amazon)
Concierto (Spotify) (Amazon)
The Duets (Spotify) (Amazon)

 

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Dave Brubeck Quartet

Am Ende des Tages muss man, jedenfalls in meinem Fall, einfach mal über dasDave Brubeck Quartet reden. Eigentlich müsste jeder einzelne Musiker in dieser Band namentlich im Titel des Quartetts erwähnt werden. Der Name Dave Brubeck Quartet ist hier ein wenig irreführend. Es handelt sich hierbei um vier Musiker von denen jeder einzelne schon für sich genommen ein großer ist. Mit Jazzkonzerten in Universitäten an der Westküste haben Desmond und Brubeck zunächst für Aufsehen gesorgt. Jazz at Oberlin war denn auch das erste Album was nachhaltig für Aufmerksamkeit sorgte. Nachdem es anfänglich mehrere Umbesetzungen gab, war ab 1958 die klassische Besetzung gefunden. Das sogenannte „Classic Quartet“Dave BrubeckPaul DesmondJoe Morello undEugene Wright waren die Protagonisten die sich nunmehr aufmachten Musikgeschichte zu schreiben. Unter der Ägide von Brubeck und Desmond wurde musiziert und revolutioniert was das Zeug hält. Die Band spielte das Album Newport 1958 – Brubeck plays Ellington ein. Ein Live-Album auf dem ausschließlich Duke Ellington Stücke zu hören sind, mit Minutenlangen Soli der einzelnen Mitglieder. Im Jahr 1959 veröffentlichte das Quartett dann das AlbumGone with the Wind was schon erahnen lässt wo es hingehen sollte. Im selben Jahr veröffentlichten die vier das Album Time Out. Eines der Alben denen ich die Zehn vergeben würde. Das besondere an diesem Album ist, dass es zum einen nur Originalkompositionen der Band enthält. Die andere Besonderheit ist, dass fasst keines der Stücke im 4/4-Takt ist. Ob dieses Album trotz oder gerade wegen dieser bis dahin außergewöhnlichen Takte Platinstatus erreichte, das weiß ich nicht. Man darf getrost von “trotz” ausgehen. Das Album enthielt mit dem Titel „Take Five“ die erfolgreichste Jazz-Single aller Zeiten, und man fand sich plötzlich in den Billboard Charts wieder. Diese Komposition, welche Desmond, laut eigener Aussage, nur geschrieben hat um das Geld wieder reinzubekommen was er beim Spielautomaten verkloppt hatte, wurde zum Inbegriff dieses Quartetts. Es folgten Alben wie Time Further Out,Countdown – Time in Outer Space und Time Changesdie es schafften den Erfolg der Band zu zementieren. Mit Jazz Impressions of Japan stieß man nochmals in bis dahin nicht gekannte Sphären vor. Bis zu Auflösung im Jahre 1967 machte man nicht nur mit ungewöhnlichen Soli, neuen Taktarten und allerlei progressiven Ideen auf sich aufmerksam, sondern auch mit hübscher moderner Kunst auf dem ein oder anderen Plattencover (wer hätte gedacht das ich das Wort ‘Plattencover’ in meinem Leben noch mal unterbringen konnte). Fast alles was man erreichen kann haben diese vier erreicht. Sogar mit einem gewissen Herrn Bernstein machte man ein Album. Nach der Auflösung traf sich das Quartett nur noch einmal zum 25-jährigen Jubiläum. Danach begannen alle mehr oder weniger erfolgreich, aber nicht minder toll, an ihrer Solokarriere zu basteln. Zwischendrin lehrten die einen Schlagzeug, die anderen pausierten und wiederum andere versuchten neue Quartette zusammenzustellen. Alle waren in dem was sie danach gemacht haben immer noch innovativ, und nach neuen Dingen suchend. Am erfolgreichsten waren dabei Dave Brubeck und Paul Desmond. Brubeck machte mit allen möglichen Besetzungen weiter seine Musik, und war damit recht erfolgreich. Er bekam Preise und Auszeichnungen noch und nöcher. Den Grammy Award für sein Lebenswerk, einen Stern auf dem Hollywood Walk of Fame, die Ehrendoktorwürde von etlichen Universitäten und 1994 dieNational Medal of Arts. Er spielte mit Gerry Mulligan, Lee KonitzWynton Marsalis und etlichen anderen Größen der Musik Stücke ein. Paul Desmond spielte ebenfalls zwei Alben mit Gerry Mulligan ein, u.a. das großartige Two of a Mind. Er war mit Jim Hall und Chet Baker im Studio. Dabei kam ein phantastisches Album heraus, nämlich Concierto. Auf diesem befinden sich u.a eine Jazz Version des Concierto de Aranjuez von Rodrigo, welches beeindruckend schöne Soli der Herrn Desmond, Baker und Hall beinhaltet. Schließlich wurde Paul Desmond 1977 in die Jazz Hall of Fame aufgenommen. Einmal fanden Desmond und Brubeck doch noch musikalisch zusammen. Im Jahre 1975 wurde das Album The Duets aufgenommen. Auf diesem Album sind allein Brubeck und Desmond zu hören. Ein wunderschönes Album. Hier kann man das Genie der beiden noch einmal in vollen Zügen genießen. Eine unfassbare Band. Ein unfassbares Quartett. Unglaubliche Musiker. Eigentlich möchte man (fast) alles von den vieren hören. Hier die, meiner Meinung nach, wichtigsten, schönsten und tollsten Aufnahmen, die, nach Meinung des Autors, zur Grundausstattung eines jeden Jazz Fans gehören sollte. 🙂

Eine Spotify-Playlist des Autors mit allem was seiner Meinung nach schick ist, gibt’s hier -> Desmond/Brubeck

Jazz at Oberlin – (Spotify) – (Amazon)

Newport 1958 – Brubeck plays Ellington – (Spotify) – (Amazon)

Gone with the Wind – (Spotify) – (Amazon)

Time Out (Spotify) – (Amazon)

Time Further Out (Spotify) – (Amazon)

Countdown – Time in Outer Space – (Spotify) – (Amazon)

Time Changes (Spotify) – (Amazon)

Impressions of Japan (Spotify) – (Amazon)

Two of a Mind (Spotify) – (Amazon)

Concierto (Spotify) – (Amazon)

The Duets (Spotify) – (Amazon)

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