Frohe Festtage!

Liebe Menschen,

hier noch ein paar musikalische Anregungen für die nächste Zeit:

Felix Mendelssohn hätte da was anzubieten. ‚Vom Himmel Hoch‚ ist ein wunderbares Stück Musik.

Auch Hector Berlioz hat was hübsches geklöppelt: ‚L’Enfance du Christ‚. Hier wird halt auf die Geburt Verzichtet aber immerhin die Kindheit des kleinen Menschen aus Nazareth musikalisch untermalt.

Und für alle – egal ob nun mit oder ohne Glaube – gibt’s natürlich Pjotr Iljitsch Tschaikowski und die ‚Nussknacker-Suite‚. Immer wieder toll. Wunderschöne Melodien. Großartig.

Da dürfte so ziemlich für alle Menschen was dabei sein, hoffe ich. In diesem Sinne: Euch allen, ein paar schicke Festtage!

Die Causa Wagner

Es ist ja kein Geheimnis, dass ich der Musik in all Ihren Facetten anheim gefallen bin. Ich höre seit meiner jüngsten Kindheit Musik und bin seit dieser Zeit schwer verliebt in die wundersame Kunst der Klänge und Töne. So ist es dann auch nicht verwunderlich, wenn ich mich immer wieder zu bestimmten Aspekten der Musik ins Verhältnis setzen will und muss. Dann kommt dazu, dass, immer wenn man was ganz besonders liebt und sich entsprechend mit vielen Aspekten des Themas beschäftigt, nicht umhin kommt, sich auch über die nicht so hübschen Dinge Gedanken zu machen.  Inwieweit ist Kunst und Künstler im Zusammenhang zu sehen? Muss man gar die Kunst vom Künstler trennen? Was also tun, wenn Musik plötzlich nicht mehr nur Musik ist, weil der Komponist nicht nur im Bereich der Musik, sondern auch in anderen Bereichen nachhaltigen Einfluss auf das hatte, was ihn umgab? Oder war das gar nicht so? Ist der Einfluss von Künstlern generell überschätzt?  Wenn sie bei Ihrer Kunst bleiben, kann man darüber sicher redlich diskutieren. Was aber wenn dieser Künstler Schriften verfasst hat, die wahrgenommen und ernstgenommen wurden? Und nicht nur das. Was macht man wenn der Autor bekennender Antisemit war und versucht hat, dieses schriftlich intellektuell zu verteidigen? Darf man Wagner nicht hören? Und wer war dieser Wagner eigentlich? War der Einfluss seines Essays ‚Das Judentum in der Musik‚ wirklich so groß? Außerdem gab es die Nazis damals ja auch noch gar nicht, also könne er auch keiner gewesen sein, wie Elke Heidenreich einmal anmerkte. Was also tun? 

Und damit jeder so einigermaßen weiß um wen es sich überhaupt handelt, ist es sicher sinnvoll mit einem kurzen Überblick über sein Leben, sein Tun und sein Wirken zu beginnen:

Das Leben

Wilhelm Richard Wagner wurde am 22. Mai 1813 in Leipzig geboren. Mit 18 Jahren begann er sein Musikstudium in Dresden. 1833 wurde Wagner Korrepetitor in Würzburg. Später war er in Magdeburg, Königsberg, Dresden und München als Hofkapellmeister tätig. Nach Ende seines Münchener Aufenthaltes zog er 1866 in die Schweiz, wo er zumeist mit Cosima, der Tochter von Franz Liszt und der Ehefrau von Hans von Bülow, wohnte. Vier Jahre später heirateten sie und zogen 1872 nach Bayreuth. Dort hat Wagner an der Verwirklichung seiner Pläne für das Festspielhaus gearbeitet, in dem 1876 die ersten Festspiele mit der Gesamtaufführung des ‚Ring des Nibelungen‘ stattfanden. Wagners Werk umfasst neben einigen Liedern, Orchester- und Chorwerken vor allem Opern, darunter neben dem ‚Ring‚: ‚Der fliegende Holländer‚, ‚Tannhäuser‚, ‚Lohengrin‚, ‚Tristan und Isolde‚ und ‚Die Meistersinger von Nürnberg‚. Richard Wagner verstarb am 13. Februar 1883 in Venedig.

Der Antisemitismus

Wagners Weltbild war eine Melange aus Aufbruch, Umsturz, Revolution und Sehnsucht nach Kunst und Gesellschaft durch Untergang von allem Bestehenden. Seine Motive waren eine wilde Mischung aus humanistisch-aufklärerischer Revolution gegen Aristokratie einerseits und Rückkehr zur Natur, Ablehnung der Industrialisierung sowie nationalistischer Phantasien von der totalen Einheit einer Rasse oder eines Volkes andererseits. Wagner war zunächst auch ein Kind seiner Zeit und reagierte auf antijudaistische und frühantisemitische Stereotype. Vieles von dem, was man anfänglich bei Wagner findet, fand man auch schon vorher bei Martin Luther. Antisemitismus gehörte zu Zeiten Wagners zum „guten Ton“. Das was allerdings anders ist und was die Qualität des wagnerischen Antisemitismus eben von anderen dann doch unterscheidet ist, dass er nicht nur auf das, was er an Antisemitismus vorfand, versucht hat, entsprechend antisemitisch zu reagieren. Er versuchte etwas anderes. Er ging weiter. Er versuchte den Antisemitismus künstlerisch zu intellektualisieren. Ihn quasi mithilfe der Kunst zu rechtfertigen. Er entwickelte den Antisemitismus mit Schriften wie ‚Das Judentum in der Musik‚ weiter. Er hob ihn auf ein neues Level. Und das hatte nachhaltigen Einfluss. Wagner hat ‚Das Judentum in der Musik‘ zunächst einmal unter dem Pseudonym ‚K. Freigedank‘ veröffentlicht,  in der ‚Neue Zeitschrift für Musik‚. Darin heißt es, dass es eine „Verjüdung der modernen Kunst“ gebe, und dass „der Jude an sich unfähig sei sich uns künstlerisch kundzugeben.“ Damals war Wagner aber noch nicht so populär, als dass es eine große Wirkung hätte erzielen können. Das sollte sich mit der zweiten Veröffentlichung ändern. Denn als Wagner dann einen wesentlich höheren Bekanntheitsgrad erlangte, hat er die Schrift unter Hinzufügung von Vor- und Nachwort unter eigenem Namen noch einmal veröffentlicht.  Diesmal mit großem Wiederhall. Es heißt hier u.a.: „Ob der Verfall unserer Cultur durch eine gewaltsame Auswerfung des zersetzenden fremden Elementes aufgehalten werden könne, vermag ich nicht zu beurtheilen, weil hierzu Kräfte gehören müssten, deren Vorhandensein mir unbekannt ist.“ Es darf gründlichst bezweifelt werden, dass Hitler diese Schriften seines Lieblingskomponisten nicht gekannt hat. Jedenfalls hat der Wagnerianer Hitler sich zum Vollstrecker seines Propheten gemacht. Außerdem hatten Wagners Ausführungen großen Einfluss auf den englischen Schriftsteller Houston Stewart Chamberlain, der sich auf Wagners Schriften berief, sich diese zu nutze machte, sie deutete und interpretierte um seine eigenen Schriften intellektuell zu untermauern. Chamberlain war der Verfasser der Schrift ‚Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts‘. Die Werke und sein Verfasser gelten wiederum als einer der ideologischen Wegbereiter des nationalsozialistischen Antisemitismus.  Noch etwas kommt erschwerend hinzu. „Dämon und „Verfall“ sind zwei Begriffe die vor den Schriften Wagners nicht im Kontext mit dem Begriff Jude gebraucht wurden. Alfred Rosenberg hat sich dieses zu nutze gemacht und diese Begriffe in seinen Antisemitischen Schriften gebraucht. Alfred Rosenberg war zur Zeit der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus Politiker und führender Ideologe der NSDAP.  Wagners Ausführungen hatten also durchaus Einfluss auf die nachfolgenden geschichtlichen Ereignisse. Mehr als die meisten Wagnerianer wahr haben wollen. Thomas Mann sagte einmal: „Es ist viel Hitler in Wagner.“ Man darf Wagner also getrost als Brandstifter und Wegbereiter bezeichnen. 

Wagner und Mendelssohn 

Der Komponist und das Werk Felix Mendelssohns haben es nicht zu Lebzeiten, aber noch weniger posthum leicht gehabt,  denn man ist zum Teil bis in die Gegenwart hinein nach Kräften bemüht, ihn und seine Musik abzuwerten. Und alles begann mit Wagner und seinen antisemitischen Äußerungen, die Mendelssohn in voller Gänze treffen sollten. Das Ziel was Wagner verfolgte, war schlicht und ergreifend  die Vernichtung Mendelssohns, die Verdrängung und Zerstörung des gesamten Werkes, des Lebens und Wirkens eines einstmals angesehenen Komponisten. Sie war ein Verbrechen, das Mendelssohn, da zu dem  Zeitpunkt schon Verstorben, nicht mehr miterleben sollte, was aber seinem Ansehen, seiner Musik und seinem Wirken bis in die heutige Zeit nachhaltig geschadet hat. Wagner ist schuld an der Stigmatisierung der Person und der Musik Felix Mendelssohns, seine Schriften stellten eine Verunglimpfung dar, die bis in unsere Zeit wirksam bleibt.  Dabei ist die Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts ohne Mendelssohn undenkbar. Er war der erste Dirigent, wie wir ihn heute kennen. Er hat das erste Konservatorium Deutschlands gegründet. Ohne Mendelssohn würden wir Bach vielleicht gar nicht kennen. Ohne Mendelssohn wäre die ‚Große C-Dur‚ Symphonie von Franz Schubert nicht Uraufgeführt worden. Vor allem aber gäbe es ohne Mendelssohn nicht dessen wunderschöne Musik. In Wagners Musik lassen sich viele Parallelen zu Mendelssohns Musik finden. Hier ein paar Beispiele. Es fängt an mit der ‚Todesverkündung‘ im zweiten Akt der Walküre  die doch die ein oder andere Gemeinsamkeit mit dem Beginn der Schottischen Symphonie Mendellsohns hat. Dann wäre da das berühmte Dresdner Amen, dessen Interpretation sich in Mendelssohns Reformations-Symphonie finden lässt. Auf gleiche Weise findet man es aber eins zu eins genau so bei Wagner im Liebesverbot, im Tannhäuser oder beim Parsifal wieder. Wagner hat sich aber nicht nur der Melodien Mendelssohns bedient, sondern auch dessen Struktur, die er in seiner Musik pflegte. In Mendelssohns Werken findet man musikalische Strukturen, die Wagner dankend in sein Werk hat einfliessen lassen. Nicht zuletzt ist es der der religiöse Ton, das mythische Musikverständnis, was Mendelssohn hatte, was sich Wagner zu nutze machte. Es sei hier auf den Sommernachtstraum Mendelssohns hingewiesen. Das alles wäre nur halb so schlimm gewesen, wenn Wagner sich zu Mendelssohn nicht so geäußert hätte, wie er sich nunmal geäußert hat. Mendelssohn hatte schon vor Wagner mit antisemitischen Ressentiments zu kämpfen, obwohl er protestantisch getauft wurde, um genau das zu vermeiden. Was machte nun Wagner?  Der schmähte den Komponisten posthum. Und das hatte auch hier eine neue Qualität. Denn: Taufe hin, Taufe her. „Juden sind künstlerisch impotent, sie können nur nachahmen und sind unfähig, selbst kreativ zu sein, Juden setzen auf bloßen Effekt. Juden gehören nicht zu den Deutschen: Der Jude hat etwas ‚unangenehm Fremdartiges‘ an sich.“ Wagner benutzte in diesem Zusammenhang den Begriff des ‚getauften Juden‘, eine Formulierung der sich die Nationalsozialisten später bedient haben. Richard Wagner über Mendelssohn in einem Brief den er 1855 an  Gönner Otto Wesendonck geschrieben hat:  „Mendelssohn ist den Engländern das, was den Juden ihr Jehova ist. Jehovas Zorn trifft mich Ungläubigen denn auch jetzt; denn Sie wissen, daß unter andern großen Eigenschaften dem lieben Gotte der Juden sehr viel Rachsucht zugeschrieben wird.“ Dank Wagner ist Mendelssohn als musikalischer ‚Landschaftsmaler‘ verschrien. Dank Wagner wird in einschlägigen Klassikforen darüber diskutiert, ob Wagner nicht doch ein wenig recht gehabt haben könnte. Natürlich fügt man gleich hinzu, dass es hierbei nur die musikalische Einschätzung ginge. Wagner ist es zu verdanken, dass Mendelssohns Musik als oberflächlich, unwichtig und gegenstandslos betrachtet wird. Weitere Klischees,  für die Wagner verantwortlich ist,  erspare ich sowohl mir als auch den Lesern.

Wirkung auf spätere Musik

Wagner hat zunächst einmal die sogenannte Nummernoper zum Musikdrama weiterentwickelt. Was bedeutet das? Vor Wagner bestanden Opern quasi aus einer Aneinanderreihung von Nummern, sprich Arien, Duette, Chöre und instrumentale Teile wechseln sich ab und werden durch gesprochene Rezitative miteinander verbunden. Bei Wagner finden wir nun die sogenannte „unendliche Melodie“. Das Orchester beginnt hier am Anfang der Oper zu spielen und hört am Ende der jeweiligen Oper auf. Auch wird in Wagners Opern nicht gesprochen. Es gibt keine einzelnen, für sich stehenden Arien mehr, sondern durchgehend gesungene Erzählungen, Monologe oder Dialoge. Es wird aber nicht wie vorher alles separat und abgeschlossen nacheinander gesungen oder gespielt, sondern mithilfe des Orchesters, durchgehend zur Aufführung gebracht. Dabei bedient sich Wagner, allerdings auch nicht als erster, der sogenannten Leitmotiv-Technik. Das kennt man heute aus jedem Film und natürlich aus der Schule von ‚Peter und der Wolf‚ von Prokofiev. Soll heißen, es wird einer bestimmten Person, einem Gegenstand oder einem Gefühl ein musikalisches Motiv zugeordnet. Immer wenn nun also eine Person, ein Gegenstand, eine Situation oder eine Emotion  innerhalb des Stückes zum Tragen kommt, wird die jeweils zugeordnete Melodie gespielt. Charaktere, Situationen, Gegenstände oder auch Emotionen haben also Ihre ureigene Melodie. Wagner hat das Gesamtkunstwerk, wie es ihm vorschwebte, letztlich tatsächlich in Bayreuth (Bayreuther Festspiele) in die Tat umsetzen können.

Was bleibt?

War Wagner der größte Komponist aller Zeiten, wie er es sicher gerne gehabt hätte? Mit Sicherheit nicht. Er war mit Sicherheit auch nicht so groß wie es die Wagnerianer gern hätten, von denen er zum Teil religiös verehrt wird. Er hat die Musik nicht neu erfunden, und auch die Erfindung des Internets ist nicht direkt auf Ihn zurückzuführen. 😉 Ein wichtiger Komponist, vor allem im Bereich Oper, ja. Uneingeschränkt. Wagner hat seinen Teil zur Musikgeschichte beigetragen. Es gibt derer mehrere, die da ein Wörtchen mitzureden haben. Es gibt durchaus den ein oder anderen, den ich weit vor Wagner einzuordnen wüsste. Claude Debussy z. B., aber das soll hier ja nicht das Thema sein. Ich gestehe Wagner eine gewichtige Rolle in der Musikhistorie zu.

Und nun?

Kann man Kunst und Künstler trennen? Ich meine nein, aber das heißt erstmal gar nichts. Wir alle trennen nicht zwischen Kunst und Künstler. Wir tun uns mit der Kunst eines Menschen einfach wesentlich leichter, wenn wir den Mensch, der dahintersteht, sympathisch finden. Wenn das nicht der Fall ist, kann es sein, dass sich die Künstler noch so sehr anstrengen mögen, es kommt dann bei uns im Zweifel  nicht an. Was bedeutet das jetzt für die Causa Wagner. Was macht man nun mit so einem? Er hat gelogen, betrogen, schreckliche Schriften verfasst, die durchaus Einfluss auf das ausübten, was danach geschah. Und dann wäre da noch der Anspruch des Gesamtkunstwerks. Dann würden ja, wenn es nach Wagner ginge, seine Essays zu eben diesem hinzugehören. Darf man Ihn nun also hören oder nicht?  Diese Frage kann ich euch nicht beantworten. Das müsst Ihr selber machen. Wir alle haben eine individuell geartete Toleranzschwelle. Ich kann also nur für mich meine Konsequenz aus dem ziehen, was ich über Wagner weiß und was seine Musik bei mir bewirkt. Auf mich übt diese Musik Gewalt aus. Sie ist mir zu groß, zu episch, zu ‚erlösend‘, zu verklärend, zu pathetisch und zu anmaßend. Das gilt für mich. Meine Toleranzschwelle ist hier bei weitem überschritten, das muss aber nicht heißen, dass es die eurige auch sein muss. Wer Wagner hören mag, der möge es machen. Nur bitte nicht wegen Wagner, sondern trotz Wagner, das wäre mir dann doch wichtig. Hört also meinetwegen Wagner, wenn ihr wollt und könnt. Wer Wagner und seine Musik erträgt, möge es hören,  aber bitte nicht unreflektiert. Habt meinethalben Freude an seiner Musik, aber haltet Augen und Ohren offen. Seid immer auf der Hut, auf dass Ihr nicht einer von denen werdet, der Wagner war.

Zum Schluss

Ich möchte anmerken, dass mir das Schreiben dieser Zeilen nicht leicht gefallen ist. Ich bin was das Thema Antisemitismus angeht sehr empfindsam und eine Toleranzschwelle ist bei diesem Thema bei mir so gut wie nicht vorhanden. Mehr kann und will ich zu meinen persönlichen Befindlichkeiten nicht schreiben. Das ist zu privat.

Ich möchte mich bei der wunderbaren @gruenkariert für einen Text bedanken, der diesen Text erst hat entstehen lassen. Danke.

Bei allem was Ihr macht. Seid wachsam. Werdet keine von denen.